Reis Reis Baby
Ich muss niemanden erklären, dass Reis in Japan eine bedeutende Rolle spielt. Und so nimmt dieses Grundnahrungsmittel auch einen wichtigen Platz im Selbstverständnis der japanischen Seele ein. Seit 2024 schwankte der Reispreis in Japan jedoch extrem und führte zu einigen Veränderungen im Land der aufgehenden Sonne.
Was ist passiert
Die offizielle Lesart der ganzen Geschichte geht ungefähr so:
2023: Eine qualitativ schlechte Ernte.
2024: eine bessere Reisernte als 2023 jedoch werden, hohe Temperaturen, wenig Wasser, Unwetter, sowie Urbanisierung und fehlende Bauern unter anderem als Gründe genannt für den Mangel benannt. Was, das sehen wir später, eine interessante Hypothese ist.
Dazu kam ein Erdbeben und ein neues Warnsystem, dass ein weiteres Beben vorhersagte und die Menschen in den betreffenden Regionen zu Hamsterkäufen verleitete. Darüber hinaus, sollen auch Horden von hungrigen Touristen Schuld am Reismangel sein.
2025: explodierten dann die Preise. Die japanische Regierung sah sich genötigt, Notfallreserven auf den Markt zu werfen. Der 4 Jahre alte Notfallreis war jedoch nicht so beliebt, die Preise blieben oben, viele Japaner wechselten zu Nudeln und Brot oder zu importierten Reis, der Billiger war als der Einheimische. Die gute Ernte von 2025 schien den Reispreis nicht wirklich zu beeinflussen.
2026: Am 5. März 2026 gab es einen 3 Tage dauernden verbilligten Abverkauf von Reisprodukten in allen 7/11 in ganz Japan, außer in Hokkaido. Keine Ahnung warum nicht in Hokkaido, aber die werden schon wissen, was sie getan haben. Im Juni beginnen die Reispreise generell zu fallen und befinden sind im August unter den Produktionskosten für den Anbau. Die japanische Regierung gibt Fehleinschätzungen zu, und zwar in der Prognose des Reisverbrauchs. Jedoch scheinen die Probleme viel tiefer zu liegen.
Spekulationsblase?
Natürlich sind hohe Temperaturen, wenig Wasser, die Alterung der Gesellschaft und sogar eine Fehleinschätzung der Anzahl von Gästen ein Grund für einen sich wandelnden Reispreis. Yamashita Kazuhito, Autor und jahrelang Tätig für das japanische Ministerium für Agrarkultur, Forst und Fisch (MAFF) sieht die wahren Probleme woanders. Laut ihm würden die ganzen Begründungen nur 5% der gestiegenen Nachfrage erklären.
Die (fast) Liberalisierung des Reismarktes und mysteriös verschwundene Tonnen Reis zeichnen ein anderes Bild. Dazu sollte man wissen, dass im letzten Jahrhundert Japan auch schon einige Probleme mit der Reisversorgung hatte. Um diese Probleme in den Griff zu bekommen wurde der Reismarkt nach dem Zweiten Weltkrieg stark reglementiert. Es wurde genau erfasst, wer, was an wem verkaufte und vor allem auch wie viel der Ackerfläche für Reisanbau verwendet wurde. Leider sind solche Systeme nicht gerade preiswert und als sich die Gegebenheiten änderten, wurde auch dieses System dem Freien Markt zum Fraß vorgeworfen. Das war 2004 und der Reismarkt ist nun weitestgehend unreguliert. Jedoch einige Altlasten blieben im System. Zum Beispiel, dass bestimmen der Anbauflächen, die für Reis genutzt werden sollten, wanderten vom Ministerium zum Japan Agricultural Cooperatives (JA) bzw. Bauernverband. Vorher gab es eine Abnahmegarantie vom Staat für Bauern, womit große Anbauflächen Vorzüge brachten, jetzt im freien Markt, waren es höhere Preise, die den Bauernverband zum Umdenken bewegten. Also wurde das Angebot weiter reduziert um die Preise stabil, sprich oben zu halten. Doch so ein System reagiert recht träge auf Veränderungen.
So war 2024 einfach in perfekter Sturm, hohe Nachfrage, mangelndes Angebot? Eher nicht, das zeigt folgendes Zitat des Wirtschaftsministers im Februar 2025 laut NZZ:
"Es gibt definitiv Reis. Doch eine Menge wurde irgendwo versteckt."
Der Staat kontrollierte zwar noch indirekt die Erzeugung des einheimischen Reises, jedoch nicht mehr den Markt als Ganzes. Und auf einmal fehlten trotz eines Ernteanstieges 2024 von 180.000 Tonnen Reis, 230.000 Tonnen Reis bei den Zwischenhändlern. Und die Regierung hatte keine Ahnung warum. Der Versuch den Preis mit Notfallreis zu stabilisieren ging ins Leere und auch die Ernte von 2025, die beste seit 9 Jahren, schien den Preis nicht zu beeinflussen. Erst jetzt, da sich abzeichnet, dass auch 2026 eine normale Ernte in Japan zu erwarten ist, fangen die Preise stark zu sinken an, was an einem Überangebot von Reis liegen könnte.
Fazit
Yamashita Kazuhito plädiert für den Konsequenzen Ausbau der Reisfelder. Als Begründung stellt er das gestiegene Interesse von japanischen Reisprodukten in den Vordergrund und die Möglichkeit der Regierung den Markt besser zu kontrollieren, da es einfacher ist bei Überproduktion und Nachfragerückgang Reis auf zukaufen, als bei einem Nachfrageanstieg, neue Felder zu aktivieren. Außerdem wäre Japan durchaus in der Lage doppelt soviel Reis zu produzieren, als es selbst als Nation benötigt. Dass der Bauernverband JA auch noch eine Bank unterhält, die JA Bank, deren Interessen nicht ganz deckungsgleich, mit der eines Bauernverbandes sind, hilft auch nicht gerade. Zusätzlich sinkt der japanische pro Kopf Verbrauch von Reis seit Jahren, soll jetzt bei 51 kg pro Jahr liegen, vor 60 Jahren bei über 100 kg pro Jahr. Alternativen wie Nudeln und Brot gibt es in Japan reichlich und verdrängen Reis weiter aus er japanischen Küche. Wenn sich nichts am aktuellen System ändert, kann sich diese Preisspekulation jederzeit wiederholen und die Japaner sich weiter vom Reis entfernen.
Aber beim nächsten Mal wissen wir wenigstens wer daran Schuld ist, diese verfressenen Ausländer. /s
In diesem Sinne
Kowo
2024
27.08.2024 – Warum ausgerechnet in Japan der Reis knapp wird
https://www.rnd.de/wirtschaft/japan-warum-ausgerechnet-hier-der-reis-knapp-wird-RI5SF2FMRFGCVKU2PEOIMXK4VE.html
2025
14.03.2025 – In Japan sind 230 000 Tonnen Reis verschwunden – jetzt versteigert die Regierung Teile des Notvorrats
https://www.nzz.ch/panorama/in-japan-sind-230-000-tonnen-reis-verschwunden-jetzt-versteigert-die-regierung-teile-des-notvorrats-ld.1875440
15.04.2025 – Eine Prise Krise: Warum Reis plötzlich 90 Prozent teurer ist
https://www.newsflix.at/s/eine-prise-krise-warum-reis-ploetzlich-90-prozent-teurer-ist-120102597
10.06.2025 – Eine lächerliche Situation“: Wie ein Witz über Reis einem Minister in Japan den Job kostete
https://www.fr.de/wirtschaft/hohe-reispreise-belasten-japan-trumps-zoelle-verschaerfen-die-krise-zr-93776998.html
16.06.2025 – Wie „ururalter“ Reis Japans Politik erschüttert
https://www.dw.com/de/wie-ururalter-reis-japans-politik-ersch%C3%BCttert/a-72921953
20.08.2025 – Dadurch, dass die Preise jetzt so gestiegen sind, wird nun mehr Reis aus dem Ausland importiert und auch der Reiskonsum an sich sinkt. Wenn jetzt Reis übrig bleibt, werden die Preise einstürzen. – Tenmyo Nobuhiro, Landwirt aus Niigata
https://www.zdfheute.de/politik/ausland/japan-reis-krise-landwirtschaft-100.html
20.09.2025 – Luxusprodukt Reis – warum Japans Familien in Not geraten
https://www.dw.com/de/luxusprodukt-reis-warum-japans-familien-in-not-geraten/video-74002240
2026
Am 5. März 2026 gab es einen 3 Tage dauernden verbilligten Abverkauf von Reisprodukten in allen 7/11 in ganz Japan.
30.05.2026 – Japans Regierung gesteht Fehleinschätzung bei Reisversorgung ein
19.06.2026 Reispreis in Japan erstmals seit Jahren gesunken
https://www.suedtirolnews.it/wirtschaft/reispreis-in-japan-erstmals-seit-jahren-gesunken
20.08.2026 – Reispreis bricht um 40% ein.
https://www.vietnam.vn/de/nhat-ban-du-thua-nguon-cung-khien-gia-gao-giam-manh-duoi-gia-thanh-san-xuat
Das Lebensmittelmanagementsystem
https://ja.wikipedia.org/wiki/%E9%A3%9F%E7%B3%A7%E7%AE%A1%E7%90%86%E5%88%B6%E5%BA%A6



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